Erfahrungsberichte
Visionssuche 2007
Kroatien

Hüter der Schwelle

Drei Tage und Nächte allein in der Wildnis, fastend, betend und an einem Ort verharrend - der Gedanke daran löste bei mir schon Wochen im Vorfeld eine Mischung aus Spannung und Angst aus, aber auch freudige Erregung und Neugierde verspürte ich. Womit würde ich konfrontiert werden, ganz mit mir alleine? Welche Gedanken würden mich beschäftigen, welche Veränderungen würden sich ereignen? Und würde ich eine tatsächlich eine Vision haben?

Die Schönheit, die diese Visionssuche auf allen Ebenen prägen sollte, begann schon mit der Anreise nach Kroatien - in einem roten Cabrio, bei Sonnenschein und offenem Verdeck, düsten wir die Küstenstraße von Rijeka aus entlang in Richtung Moscenicka Draga. Vom Badeort aus führte eine abenteuerliche Piste hinauf zu dem paradiesisch gelegenen und sehr liebevoll hergerichteten Anwesen nahe des Ucka Nationalparks, das wir als Gruppe, 15 Reisende, alleine bewohnten.
Der Blick auf das Meer, die fast unberührte Natur um uns, der unendlich blaue Himmel und die Sonne über uns - die Stimmung in der Gruppe war von Beginn an erfüllt von Freude. Allen war klar, mit welch einem Luxus wir beschenkt waren: an diesem Ort sein zu dürfen, frei zu sein von allen Verpflichtungen, bekocht und versorgt und umgeben von Schönheit. Dennoch begegneten wir der bevorstehen Herausforderung mit großer Ernsthaftigkeit und Respekt - eine Balance, an die Sonia uns in intensiven Gesprächskreisen an den ersten beiden Tagen heranführte. Das Energiefeld begann sich zu heben, langsam ließen wir den Alltag hinter uns. Wir öffneten uns für unsere Träume, sprachen über unsere Ängste und klärten auch alle nur erdenklichen praktischen Fragen. Gemeinsam wanderten wir auch zu der Wiese an einem bewaldeten Hang über der Küste, die den Ausgangspunkt der Visionssuche bilden sollte.

Am dritten Tag bei Morgengrauen versammelten wir uns schweigend am Ritualplatz hinter dem Haus, bepackt nur mit dem Nötigsten: ausreichend Wasser, Schlafsack, einer großen Plane zum Schutz vor Sonne und Regen und dem Material für die zu knüpfenden Tabacco-Tais.
In einem feierlichen Ritual verabschiedete Sonia jede und jeden von uns, damit wir uns nacheinander auf den Weg machen konnten. Alleine. Immer wieder hatte sie betont, dass wir von diesem Moment an nur noch für uns selbst verantwortlich sein würden. Niemand würde kommen, um uns zu trösten, zu beschützen oder zu helfen. Absolut Niemand. Als die Reihe an mich kam, und Sonia mir ihren Segen schenkte, fühlte ich plötzlich Panik in mir aufsteigen. Die vor mir liegende Aufgabe schien mir mit einem Male nicht mehr zu bewältigen. Um mich war Wildnis, es gab Wölfe, Schlangen, Skorpione, es würde Nacht werden, Gewitter waren angekündigt, ich würde mich verlaufen, verunglücken, oder, genau so schlimm, die drei Tage nicht durchstehen können und vorher zum Haus zurückkehren müssen. Könnte nicht irgendein sehr gnädiger Geist mich zurück nach Hause beamen?

Sonia half mir, wie sie mir schon so oft geholfen hat, seit ich sie kenne: Voller Klarheit, voll Vertrauen erinnerte sie mich an meine Kraft; daran, dass es meine Gedanken sind, die meinen Weg formen, dass nur ich selbst entscheiden kann, welchen Energien ich mich öffne und wohin ich gehe. Also setzte ich meinen Rucksack auf und ging mit so viel Entschiedenheit los, wie meine zitternden Knie erlaubten.

Von diesem Moment an, da ich den Ritualplatz hinter mir ließ, bewegte ich mich aus dem Zeitgefüge, wie wir es im Alltag kennen, heraus. Es gab keine Linearität mehr, keine Gleichmäßigkeit von Minuten und Stunden, selbst Tag und Nacht, Träumen und Wachen, alles verschwamm zu einer großen Einheit, von der ich mich beschützt und in die ich mich schließlich aufgenommen fühlte.

Intensive Farben und Gerüche umgaben mich. Meinen Platz fand ich unter dem Blätterdach einer kleinen Eiche am Rande einer Lichtung, mit Blick auf einen Ring alter Bäume. Ich lag in sattem grünem Gras, mich besuchten Zikaden und Schmetterlinge, von denen es Abertausende auf der Wiese gab. Das Knüpfen der Tabacco-Tais verlangte mir ein ungewohnt hohes Maß an Konzentration ab, aber es brachte mich in eine tiefe meditative Hingabe an die Gebete und jede einzelne Wesenheit, an die ich sie richtete. Vor allem öffnete es mich für eine innere Dankbarkeit, die mich durch die drei Tage begleitete und meine sicherste Rückverbindung in die Träumerenergie bildete. 
Jetzt, da ich hier am Computer sitze, klingt das alles zwangsläufig sehr weit hergeholt - aber das ist es auch. Hergeholt aus einer anderen Erfahrungswelt, die sich mir auf der Visionssuche erstmals in dieser Dimension aufgetan hat. Ich war getragen von etwas verstandesmäßig nicht Fassbarem, auch Sprache stößt an ihre Grenzen, bei dem Versuch, sich diesem Energiefeld im Nachhinein beschreibend anzunähern. Und ganz klar: es gab es auch Momente, in denen ich wieder voll im Alltagskostüm steckte. Die Moskitos und Hunger plagten mich, der erste Einbruch der Dunkelheit brachte mich erneut an den Rande einer Panik und immer wieder kamen mir die Universität, unerledigte Arbeiten, anstehende Projekte in den Sinn. Aber stets war es möglich, zurück in den Schwebezustand, die Verbundenheit mit der Natur zu kehren.

Oft flossen meine Gedanken in die Vergangenheit, mir begegneten lange vergessene Bilder aus meiner Kindheit, Menschen und Ereignisse. Ich kam in Kontakt mit Gefühlen und Empfindungen, die ich in den letzen Jahren kaum jemals zugelassen hatte: Eine freudige Leichtigkeit, grenzenlose Freude, Mitleid, Mitgefühl, auch Schuld, und verzweifelte Traurigkeit. Aber vor allem, in und hinter all dem fand ich Liebe in mir. Ich erinnerte mich an die vielen, vielen Menschen, in meinem Leben, die mir Liebe geschenkt haben, die mir auf eine Weise begegnet sind, die diese Liebe genährt hat und wachsen ließ. Das führte mich schließlich in einen Zustand tiefen Friedens, befreit von alten Vorhaltungen, Verstrickungen und Verletzungen. Jetzt, da ich begriff, was sich auf dem Grund meines Seins befand, brauchte es kein Bedauern über Vergangenes mehr. Ich schreckte nicht mehr vor mir selbst zurück, wandte mich nicht mehr von dem was ich gesagt, getan oder gedacht hatte, ab. Denn das Ergebnis all dieser verschlungenen Wege, das Resultat von all dem, was ich erleben durfte, musste und wollte, bin schließlich ich. Ich, die ich dort im Gras lag, unter grünen Blättern und einem blauen Himmel, beschenkt mit einem gesunden, schönen Körper, einer Gegenwart die erfüllt ist von Liebe und einer Zukunft voll unendlicher Möglichkeiten. Mit nichts und niemanden hätte ich tauschen mögen, nichts wollte ich ungeschehen machen, keinen einzigen Moment meines Lebens.

Und da überschritt ich die Schwelle und konnte zum ersten Mal wirklich mir selbst begegnen.

Mit einem Gesang, der aus dem Innersten meiner Seele kam, begrüßte ich am dritten Morgen den Sonnenaufgang über dem Meer. Waren die drei Tage schnell vergangen? Ich vermag es nicht zu sagen, aber als ich mich von meinem Platz verabschiedete und auf den Rückweg machte, fühlte ich, wie die Zeit langsam wieder begann. Der Abschied fiel mir schwer.

Ich habe da in der kroatischen Wildnis zu mir selbst gefunden, in einer ganz anderen Art, als ich jemals geahnt hätte. Die Veränderung, die dort beginnen durfte, bleibt auch heute, vier Wochen später, stets spürbar. Ich erfahre mich in einer neuen Vollständigkeit, die mir Sicherheit gibt. Nicht mehr jede Handlung, jedes Wort muss ich genau überlegen, nicht mehr alles planen und konstruieren. Es gibt eine Basis, von der aus ich handeln kann, die mich im Moment sein lässt, mich Menschen öffnet und mich sehr genau wissen lässt, was ich eigentlich will.

Mein Dank gilt der Gruppe, mit der ich diese Reise erleben durfte, die Stärke, die jede und jeder in die Gemeinschaft geben hat, so dass sie immer strahlender werden konnte. Und von ganzem Herzen danke ich Sonia, die uns am dritten Tag im Morgenlicht am Ritualplatz mit so viel Herzlichkeit und Würde willkommen hieß, uns begrüßte und zurück in den Alltag führte. Das Netz von lichtvoller Energie, das sie während der Visionssuche zur Verfügung stellte und aufrecht hielt, die Kraft  mit der sie uns auf diese Reise vorbereitete, haben durch diese Tage getragen, haben Loslassen, Heilung und Neubeginn ermöglicht. 

Hinter der Schwelle liegt ein neuer Raum voller Schönheit, der sich mir in all seiner Vielfalt auftut und dem ich voll Achtsamkeit begegne. Jede Schwelle steht unter dem Schutz eines Hüters. Und wer sollte diese Schwelle behüten, wenn nicht ich?
 



 

 

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